Lesung mit Felix zu Löwenstein

Natürlich wussten wir, dass zu Löwenstein eine starke Zugkraft besitzt – aber Christoph Beckmann-Roden zeigte sich in seiner Begrüßungsansprache dennoch überwältigt von der Anzahl der BesucherInnen, die am Abend des 21. Februar ins Lübecker Hoghehus geströmt waren. Mit rund 120 Gästen hatten wir an diesem Abend gerechnet; tatsächlich kamen mehr als doppelt so viele. Nur Felix zu Löwenstein selbst war nicht überrascht über diesen Andrang: „Es wundert mich nicht, dass es so voll ist“, sagte er, „denn das Thema geht wirklich alle etwas an.“ Wer erwartet hatte, dass zu Löwenstein aus seinem neuen Buch „Food Crash“ lesen würde, wurde enttäuscht. Stattdessen überraschte er mit einem rund zweistündigen freien Vortrag, in dem er nicht nur die Hauptthesen seines Buches vorstellte, sondern auch viele anschauliche Beispiele lieferte.Natürlich wussten wir, dass zu Löwenstein eine starke Zugkraft besitzt – aber Christoph Beckmann-Roden zeigte sich in seiner Begrüßungsansprache dennoch überwältigt von der Anzahl der BesucherInnen, die am Abend des 21. Februar ins Lübecker Hoghehus geströmt waren. Mit rund 120 Gästen hatten wir an diesem Abend gerechnet; tatsächlich kamen mehr als doppelt so viele. Nur Felix zu Löwenstein selbst war nicht überrascht über diesen Andrang: „Es wundert mich nicht, dass es so voll ist“, sagte er, „denn das Thema geht wirklich alle etwas an.“ Wer erwartet hatte, dass zu Löwenstein aus seinem neuen Buch „Food Crash“ lesen würde, wurde enttäuscht. Stattdessen überraschte er mit einem rund zweistündigen freien Vortrag, in dem er nicht nur die Hauptthesen seines Buches vorstellte, sondern auch viele anschauliche Beispiele lieferte.

Drei löwenstarke Thesen

Felix zu Löwenstein ist nicht zimperlich, wenn es darum geht, Thesen zu formulieren: Seine erste widerspricht einer zentralen Überzeugung konventioneller Agrar-Politik: Wenn die bestehenden Agrar-Flächen nicht mehr ausreichen, die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren und Expansion nicht mehr möglich ist, müssen die Erträge gesteigert werden. Zu Löwenstein sagt: „Das stimmt nicht.“ Zweite These: Die momentan praktizierte konventionelle Landwirtschaft ist prinzipiell verkehrt. Dritte These: Nur die ökologische Alternative kann funktionieren.

Der Preis des Fleisches – oder: „Zahlen, bitte!“

Das sind steile Thesen, die die einen oder anderen konventionellen Agrar-Experten sicherlich laut aufheulen lassen. Zu Löwenstein ist sich jedoch der argumentativen Kraft seiner Behauptungen so sicher, dass er ganz entspannt Fakten ins Feld führen kann. Zu wenig Fläche? Etwa 10 Millionen Hektar gehen pro Jahr an fruchtbaren Böden weltweit verloren (aus rund 12 Millionen Hektar besteht die Anbaufläche der BRD) – und zwar durch Versteppung, Wüstenbildung etc., die z. T. aus direkten Folgen des Klimawandels entstehen. Die wiederum hängen nicht nur locker mit der Begeisterung der Schwellenländer für Fleisch und andere energieintensiv erwirtschaftete Lebensmittel zusammen – wie der Produktion von Eiern und Milchprodukten. Um die gesamte Menschheit mit Fleisch zu versorgen, bräuchte man 2,1 Milliarden Tonnen Futter. Tonnen, die u. a. aus den Hot Spots des Hungers stammen. Aus Gebieten also, in denen Menschen Hunger leiden, die aber satt werden könnten, würde mit ihrem Getreide nicht eine Fleischmenge produziert, die den Appetit der industrie- und Schwellenländer stillt.

Effizienz statt Produktivität

Die Überlegungen zur Bekämpfung des Welthungers kreisen gerne um das Stichwort „Produktivität“. Zu Löwenstein plädiert jedoch dafür, dass „Effizienz“ die interessantere Kategorie ist. Es mangelt nicht an Produktiviät; es werden bereits ausreichend Nahrungsmittel produziert, es gibt sogar viel zu viele. 20 % der produzierten Lebensmittel schaffen es gar nicht erst in die Regale – 30 % werden ungenutzt weggeworfen. In den südlichen Ländern geht viel durch mangelhafte Transport- und Lagerbedingungen verloren. Zu Löwensteins Schreckenszahl zu diesem Themenfeld: Es werden 200 % erzeugt, um 100 % tatsächlich verwenden zu können. Daher ist es entscheidend, das Verhältnis zwischen Investition und Ertrag ins Visier zu nehmen.

Wo liegen die Reserven?

Bevor also vorschnell der Behauptung von der notwendigen Produktionssteigerung Glauben geschenkt wird, bittet zu Löwenstein, sich Gedanken darüber zu machen, wie der ökologische Landbau alle Reserven nutzen kann. Sein Fazit: Unsere Ernährungsgewohnheiten müssen sich ändern. Wird weniger konventionell erzeugtes Fleisch gegessen, müsste weniger Fläche zur energieintensiven Futterproduktion verwendet werden. W eniger Dünger wie Phosphate würden ausgebracht, was wiederum die Ursache für den Klimawandel eindämmen und die Umweltverschmutzung, insbesondere die Weltmeeresverschmutzung, reduzieren würde. Das Tierwohl stiege, u.a. weil die Massentierhaltung – abgesehen von dem Leid der Tiere – auch einen riesigen Antibiotikaeinsatz verantwortet: 1700 Tonnen werden pro Jahr in tierische – und damit menschliche – Organismen gejagt. Übrigens: Eine Umstellung auf Bio-Landbau würde auch dafür sorgen, dass das Land artenreich bleibt. Denn seit 1980 hat Deutschland über 40 % aller Vogelarten eingebüßt. Die Bio-Diversität im Berliner Stadtgebiet ist damit größer als die auf dem hessischen Land. Eine bedrückende Pointe…

Den Graben nicht verbreitern

Trotz radikaler Formulierung seiner Thesen möchte zu Löwenstein den Graben zwischen konventioneller und ökologischer Landwirtschaft nicht noch künstlich verbreitern. Seiner Überzeugung nach werden die konventionellen Bauern von heute die Bio-Bauern von morgen sein. Die Anbau- und Zuchtweisen werden sich weiter annähern. Ein Beispiel: Die Tatsache, dass in Geflügel-Mastbetrieben den Hühnern der Schnabel gekürzt wird, damit ihre Haltung in dieser Enge überhaupt ermöglicht werden kann, ist nicht zukunftsfähig. Wenn die VerbraucherInnen das Schnäbelkappen nicht mehr unterstützen und strengere Suventionsentscheidungen in Brüssel diese Praxis unmöglich machen, ist die ganze Haltungsform nicht mehr praktizierbar. Die Tiere brauchen mehr Fläche und ein Huhn vom Bahnhofsgrill könnte nicht mehr 2,50 Euro kosten. Ein vollkommen illusionärer Preis: „Oder ist hier irgendjemand im Raum, der wirklich meint, dass diese 2, 50 Euro den tatsächlichen Preis für so ein Huhn darstellen?“ Das meint in diesem Raum zwar keiner, aber es sind dennoch viele gesellschaftliche Räume denkbar, in denen nicht einmal die Frage interessiert.

Was können wir tun?

Es ist eine Frage, die die Menschen an diesem Abend besonders bewegt: Was kann ich gegen die momentan herrschende Agrarpolitik tun? Zu Löwenstein entwickelt bei der Antwort ein völlig gerechtfertigtes abschließendes Pathos: „Jede gesellschaftliche Entwicklung braucht Pioniere“, sagt er. Und: „Es gibt keine Entschuldigung dafür, kein Pionier zu sein.“ Heißt im Klartext: Es ist Einmischung auf politischer Ebene – national wie international – gefragt. Genauso wie richtige Kaufentscheidungen, Änderung unserer Ernährungsform, Information und ihre überzeugende Weitergabe. Das Huhn auf dem Bahnhofsgrill für 2,50 Euro, die Pute aus der Tiefkühlabteilung, das Hähnchen aus dem Imbiss nebenan – sie gehören zu den Vogelarten, die gar nicht schnell genug aussterben können.

FOOD CRASH – Wir werden uns ökologisch ernähren oder gar nicht mehr

Felix zu Löwenstein, Pattloch Verlag, September 2011, 320 Seiten, 19.99 Euro